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Kunst im Konjunktiv

Ein Manifest für konzeptuelle Autorschaft, freie Zeit und eine Öffentlichkeit jenseits des Marktwerts

Peter Schaden

Ich beanspruche keine Künstleridentität. Ich beanspruche eine Praxis.

Ich schreibe, erfinde Kunstideen, entwerfe Skizzen und Partituren, gebe Texte heraus und bringe Stimmen miteinander in Beziehung. Ob diese Tätigkeiten als Kunst anerkannt werden, entscheide ich nicht allein. Aber ich überlasse ihre Möglichkeit auch nicht ausschließlich Akademien, Museen, Galerien oder dem Markt.

Meine Position ist die des konzeptuellen Autors: nicht als neuer Titel, der eine alte Rolle ersetzt, sondern als Beschreibung einer Arbeit. Einer Arbeit an Formen, Bedingungen und Beziehungen, in denen Kunst geschehen könnte.

1. Die Grenze zwischen Kunst und Nicht-Kunst muss offen bleiben

„Das ist keine Kunst“ kann eine begründete Kritik sein. Es kann aber auch die Formel sein, mit der ein Betrieb seine Zuständigkeit verteidigt.

Ich verweigere die Vorstellung, dass Ausbildung, Marktresonanz oder institutionelle Anerkennung allein über das Kunstsein entscheiden. Ebenso verweigere ich die bequeme Gegenbehauptung, alles werde Kunst, sobald jemand es so nennt.

Die Grenze ist weder naturgegeben noch bedeutungslos. Sie muss verhandelbar bleiben. Wer etwas als Kunst vorschlägt, muss seine Form zur Diskussion stellen. Wer es als Nicht-Kunst zurückweist, muss mehr vorbringen als die Berufung auf Autorität.

Ich suche keine endgültige Grenzziehung. Ich suche die Reibung an der Grenze.

2. Geschichte ist kein abgeschlossenes Materiallager

Ich verstehe mich als Anachronisten.

Nicht, weil ich eine vergangene Welt wiederherstellen möchte. Sondern weil ich historische Stimmen aus ihren beruhigten Einordnungen lösen und der Gegenwart wieder aussetzen will.

Nietzsche, Karl Kraus und Thomas Bernhard sind für mich keine Denkmäler. Ihre Texte sind Anlässe, Wertungen umzudrehen, öffentliche Sprache zu prüfen und jene Geschichten zu stören, mit denen sich Gesellschaften über sich selbst verständigen.

Doch Abtrennung bedeutet nicht Beliebigkeit. Wer ein Fragment versetzt, muss seine Herkunft mitdenken. Meine anachronistische Praxis soll Geschichte nicht dekorativ verfügbar machen. Sie soll ihre Fremdheit bewahren, damit sie im Heute widersprechen kann.

3. Literatur ist nicht nur die Erklärung von Kunst

Ein Text muss kein bereits vorhandenes Werk erläutern. Er kann selbst eine künstlerische Möglichkeit eröffnen.

Ein Satz verändert den Blick. Eine Montage bringt vermeintlich getrennte Dinge zusammen. Eine Frage legt einen Ausschluss frei. Ein Score entwirft eine Handlung, die noch nicht stattgefunden hat.

Darum beginnt meine Konzeptarbeit in der Literatur: im Essay, im Fragment, im Interview, in der Kritik und in der Partitur. Schreiben bedeutet für mich nicht nur, über Wirklichkeit zu sprechen. Es bedeutet, ihre Anordnung zu erproben.

Literarischer Erfolg lässt sich entsprechend nicht auf Einkommen oder Absatz reduzieren. Schon im Vorwort zur fünfzigsten Ausgabe von Freie Zeit Art stellte ich ihm andere Maßstäbe zur Seite: Weiterentwicklung, Stilfindung und Bereicherung der Sprache.

4. Die Idee braucht Form – aber nicht zwingend ein dauerhaftes Objekt

Ich unterscheide zwischen dem Einfall und der Arbeit an seinen Bedingungen.

Die Konzeptidee eröffnet eine Möglichkeit. Das Konzept präzisiert die Frage. Die Konzeption untersucht, wie diese Frage teilbar und erfahrbar werden kann: durch Material, Sprache, Raum, Dauer, Beteiligung oder eine Regel.

Nicht jede Idee muss ausgeführt werden. Aber Nicht-Ausführung ist nicht automatisch ein Werk. Sie muss als Entscheidung erkennbar werden – nicht als nachträgliche Rechtfertigung eines unterbliebenen Versuchs.

Die Partitur ist für mich eine strukturierte Offenheit. Sie legt etwas fest, ohne alles zu bestimmen. Sie erlaubt anderen, eine Idee zu realisieren, zu verändern oder ihr zu widersprechen.

5. Herausgeben heißt Öffentlichkeit gestalten

Mit Freie Zeit Art habe ich nicht nur Beiträge veröffentlicht. Ich habe einen Zusammenhang entworfen.

Literatur bildete den Ausgangspunkt; Fotografie, Theater, Musik, Rezensionen und Interviews erweiterten den Raum. Auswahl, Reihenfolge und Gestaltung entschieden mit darüber, welche Beziehungen zwischen den Beiträgen entstehen konnten. Die Ausgaben 50, 51 und 54/55 dokumentieren diese Verbindung von literarischer Werkstatt und Kulturkritik.

Die bewusst trashige Erscheinung sollte einen Gegenpol zur glatten Kunstkommunikation bilden. Doch auch ein unabhängiges Heft ist kein machtfreier Raum. Herausgeben bedeutet auswählen – und damit ausschließen.

Ich verstehe den Verleger deshalb als Autor von Konstellationen, nicht als Eigentümer fremder Stimmen. Seine Verantwortung liegt darin, Beziehungen zu ermöglichen, ohne die Unterschiede zwischen den Beteiligten zu vereinnahmen.

6. Freie Zeit ist eine Produktionsbedingung, kein Luxus

Kunst braucht Zeit, die nicht schon vollständig anderweitig beansprucht ist.

Die Freiheit einer Idee hilft wenig, wenn niemand Zeit hat, sie auszuarbeiten, auszuführen oder aufmerksam zu lesen. Unabhängigkeit braucht deshalb materielle Voraussetzungen: Einkommen, Räume, Technik, Unterstützung und verlässliche Möglichkeiten der Veröffentlichung.

Die Einstellung der Printausgabe von Freie Zeit Art 2006 machte diese Abhängigkeit konkret. Im Abschiedsvorwort standen gestiegene Kosten, unbezahlte Mitarbeit, Brotberufe und knapper werdende freie Zeit neben der Frage, welche Kunst unter diesen Bedingungen noch frei sein könne.

Ich verteidige keine romantische Langsamkeit. Ich verteidige die Möglichkeit, einer Arbeit ihre notwendige Zeit zu geben – auch dann, wenn sie sich nicht sofort auszahlt.

7. Das Ereignis geht nicht in seiner Dokumentation auf

Eine Partitur ist nicht ihre Aufführung. Ein Foto ist nicht die Begegnung. Ein Bericht ersetzt nicht den Körper im Raum.

Im Interview für Freie Zeit Art beschrieb Hermann Nitsch Texte, Regieanweisungen und Musik als zusammenhängende Partitur. Zugleich bestand er darauf, dass Theater sinnlich wirke und nicht vollständig vor- oder nacherzählt werden könne.

Für meine Praxis bedeutet das: Ich kann Bedingungen entwerfen, aber nicht jede Wirkung vorwegnehmen. Ausführung ist keine bloße Bestätigung der Idee. Sie ist deren Prüfung.

Auch die soziale Form muss dieser Prüfung standhalten. Die in FLUCH’T’RAUM #7 entwickelte Auseinandersetzung mit Beuys und Solidarität bleibt für mich eine Aufgabe: Wie lässt sich gemeinsames Gestalten ermöglichen, ohne Beteiligte zum Material einer fremden Absicht zu machen?

8. Der Preis entscheidet nicht über den Wert

Kunstschaffende sollen von ihrer Arbeit leben können. Daraus folgt nicht, dass Verkaufserfolg ein ausreichendes Urteil über Kunst wäre.

Im Gespräch mit Nitsch traf meine Frage nach Werk und Ware auf seinen vehementen Einspruch gegen die Verdächtigung künstlerischen Einkommens. Dieser Einspruch ist ernst zu nehmen. Ebenso ernst bleibt die Frage nach Arbeiten, deren Anspruch keine ausreichende ökonomische Resonanz findet.

Ich wende mich weder gegen Verkauf noch gegen Publikum. Ich wende mich gegen die Gleichsetzung von Preis, Reichweite und Bedeutung.

Ein Werk wird nicht wahrhaftig, weil es unverkäuflich bleibt. Es verliert seine Wahrhaftigkeit auch nicht automatisch durch einen Verkauf. Mein Maßstab wäre vielmehr: Welche Entscheidungen trägt es? Welche Bedingungen verschweigt es? Welchen Widerstand bewahrt es gegen seine Reduktion auf Marke, Botschaft oder Besitz?

9. Kunst im Konjunktiv heißt Verantwortung übernehmen

„Es könnte Kunst sein“ ist für mich keine Ausflucht.

Es ist eine Einladung, die eigene Setzung nicht für unfehlbar zu halten. Kunst im Konjunktiv muss Kritik zulassen: an ihrer Form, ihrem Anspruch, ihrer Öffentlichkeit und ihren Folgen.

Ich möchte keine Rolle erfüllen, die mir vorgibt, wie ein Künstler auszusehen, zu sprechen oder sich zu vermarkten hat. Ich möchte Formen entwickeln, die andere wahrnehmen, ausführen, bestreiten und weiterdenken können.

Ich beanspruche nicht, Künstler zu sein.

Ich beanspruche, Kunst möglich zu machen.

Quelle Verwendete Aspekte
Freie Zeit Art, Nr. 50, 2005 Vorwort „Literatur mit Perspektive“, S. 4: Werkstattgedanke und Erfolg jenseits finanziellen Wohlstands. Interview mit Franzobel, S. 10–15: fortlaufender Werkprozess, Öffentlichkeit und Existenzbedingungen. 
Freie Zeit Art, Nr. 51, 2005 Vorwort „Literatur mit Tradition“, S. 4–5: Wahrnehmung, öffentliche Diskussion und Lesezeit. Interview mit Bettina Balàka, S. 8–16: Förderung, Markt, künstlerischer Anspruch, Kanonisierung und literarische Tradition. 
Freie Zeit Art, Nr. 54/55, 2006 Vorwort „Über die Freiheit“, S. 4: Einstellung der Printausgabe und Produktionsbedingungen. „Das sprachlose Theater“, Interview mit Hermann Nitsch, S. 10–18: Partitur, Ereignis, Zeit und Kunst als Ware. Das Interview ist auf den 27. Jänner 2006 datiert; die frühere Erinnerung an 2005 ist entsprechend zu korrigieren. 
FLUCH’T’RAUM, Nr. 7, Juni 2020 „Die neue Sozialskulptur (Für eine Union des Solidarismus)“, S. 5–7: Beuys, Pandemie, Solidarität und Ökosphäre. Die Ausgabe erweitert diesen Zusammenhang durch Texte über Abwesenheit, Isolation und Kunst. 

Siehe auch: FLUCHTRAUM #19 – Trafozone Special (ePaper)